Trübsal einer Straßenbahn

Für Joseph Roth

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Starker, anhaltender Regen. Man könnte mich fast beschuldigen, das Wetter aus Irland mitgebracht zu haben. Seit ich in Allenstein/Olsztyn angekommen bin, ist es entweder kalt und grau oder schwül und regnerisch. Heute ist es letzteres, und ich kann keinerlei Motivation finden, irgend etwas zu arbeiten. Den ganzen Morgen höre ich die Straßenbahnen klingeln, wenn sie die Haltestelle gegenüber dem Hohen Tor verlassen, also gebe ich endlich nach. Ich fahre mit der Straßenbahn.

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Von Büchereien und Eigenwerbung

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Planeta 11

Eine Bibliothek ist immer ein Zentrum, ein heiliger Ort für jede Gemeinschaft; und ihre Heiligkeit besteht in der Zugänglichkeit, der Öffentlichkeit. Es ist ein Platz für Jedermann. […]

Diese Freude darf nicht verkauft werden. Sie darf nicht „privatisiert“ werden, nicht zu noch einem Privileg für Privilegierte gemacht werden. Eine öffentliche Bibliothek ist eine öffentliche Stiftung.

Diese Freiheit darf nicht beeinträchtigt werden. Es muss für alle verfügbar sein, die es benötigen – und das ist jeder von uns, egal wann wir diese Freiheit brauchen, und das muss immer so bleiben.

Ursula K. LeGuin

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Franz

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Einer der Hauptgründe, warum ich mich für das Stadtschreiberstipendium beworben habe, ist Franz.

Bevor ich anfing an dem Buch über meine Großmutter Cilly zu arbeiten, wusste ich nicht dass dieser Mann überhaupt existiert hat. In meiner Familie gab es Gerüchte über einen von den Nationalsozialisten getöteten Verwandten, getötet als Widerstandskämpfer vielleicht oder im Chaos des letzten Kriegsjahres. Bei meinen Nachforschungen stellte ich jedoch fest, dass der Halbbruder meiner Großmutter, Franz Nerowski, vor 1939 ein Spion für Polen gewesen war und dafür sein Leben gelassen hat.

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Praktizierende

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Spaziergänger sind „Praktizierende der Stadt“, denn die Stadt ist zum Laufen gemacht. Eine Stadt ist eine Sprache, eine Ansammlung von Möglichkeiten, und der Spaziergang ist der Akt, diese Sprache zu sprechen und aus diesen Möglichkeiten auszuwählen. So wie die Sprache das Gesagte einschränkt, beschränkt die Architektur das Gehen, aber der Spaziergänger findet andere Wege.

Rebecca Solnit, Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens

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Bring mich an einen guten Ort

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,Und so tauschte ich roten Backstein, das Meer und die Berge gegen roten Backstein, Felder, Seen und Flüsse. Von meinem Backstein-Haus aus dem Jahre 1875 in der alten Grenzstadt Dundalk, die zum Schutz des „Pale“, des Besitzes der normannischen und englischen Herrscher an Irlands Ostküste, vor den wilden Ulster-Iren erbaut worden war, machte ich mich auf den Weg durch die Hügel der Grafschaften Armagh und Down zum Belfast International Flughafen, von wo aus mein Flugzeug in einer Kurve über das Blau des Lough Neagh aufstieg und die Küste der Grafschaft Antrim in Richtung Schottland überquerte. Meine irische Lieblingsinsel Rathlin war das letzte, was ich von der grünen Insel sah, bevor der braune Klumpen des Mull of Kintyre sich ins Bild schob.

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