Von Büchereien und Eigenwerbung

Eine Bibliothek ist immer ein Zentrum, ein heiliger Ort für jede Gemeinschaft; und ihre Heiligkeit besteht in der Zugänglichkeit, der Öffentlichkeit. Es ist ein Platz für Jedermann. […]

Diese Freude darf nicht verkauft werden. Sie darf nicht „privatisiert“ werden, nicht zu noch einem Privileg für Privilegierte gemacht werden. Eine öffentliche Bibliothek ist eine öffentliche Stiftung.

Diese Freiheit darf nicht beeinträchtigt werden. Es muss für alle verfügbar sein, die es benötigen – und das ist jeder von uns, egal wann wir diese Freiheit brauchen, und das muss immer so bleiben.

Ursula K. LeGuin

Planeta 11

Öffentliche Bibliotheken (und unabhängige Buchhandlungen) sind von existenzieller Bedeutung für mich. Oder, wie Timothy Snyder es in Über Tyrannei formuliert: „Verteidige Institutionen.
[…] Institutionen schützen sich nicht selbst. Sie stürzen eine
nach der anderen, wenn nicht jede von ihnen von
Anfang an verteidigt wird.“

Bibliotheken sind eine der wichtigsten Institutionen, die die Menschheit je geschaffen hat, und in unserer kapitalistischen Gesellschaft einer der letzten öffentlichen Räume, die nicht dem Materialismus und dem sinnlosen Konsum gewidmet sind. Ich freute mich daher sehr festzustellen, dass Allenstein/Olsztyn 17 (!) Zweigstellen der Stadtbibliothek und 3 Zweigstellen der Provinzbibliothek hat, darunter die schöne Filiale im alten Rathaus im Zentrum der Altstadt, komplett mit Eisstand im Foyer (ausdrücklich empfohlen) und einer deutschsprachige Auswahl in der Deutschen Bibliothek in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Warschau.

Und wenn mir ein bisschen schamlose Eigenwerbung erlaubt sei, dann freue ich mich Ihnen mitteilen zu können dass ich am 30.05. im Rahmen der „Tage der deutschen Kultur“ eine kombinierte Lesung/Gespräch über deutsche Literatur zum 20. Jahrestag der Städtepartnerschaft zwischen Allenstein/Olsztyn und Offenburg durchführen werde, und zwar an einem fantastischen Ort: Der Planeta 11-Multimediabibliothek im Stadtobservatorium. Wenn Sie in der Stadt sind, hoffe ich, Sie dort zu treffen und die Stärke und Wichtigkeit von Bibliotheken mit Ihnen zu feiern!

On Libraries (and Self-Promotion)

A library is a focal point, a sacred place to a community; and its sacredness is its accessibility, its publicness. It’s everybody’s place. […]

That joy must not be sold. It must not be “privatised,” made into another privilege for the privileged. A public library is a public trust.

And that freedom must not be compromised. It must be available to all who need it, and that’s everyone, when they need it, and that’s always.

Ursula K. LeGuin

Public libraries (and independent bookshops) are pretty much the hill I am willing to die on; or, as Timothy Snyder puts it in On Tyranny: ‚Defend an institution. […] Institutions don’t protect themselves. They go down like dominoes unless each is defended from the beginning.‘

Libraries are one of the most important institutions humanity ever came up with, and in our capitalist society one of the last public spaces not devoted to consumerism and mindless consumption. I was therefore delighted to discover that Olsztyn has 17 (!)branches of the Municipal Public Library plus 3 branches of the Provincial Public Library, among them the flagship library in the old town hall in the center of the old town, which also has an ice cream stand in the foyer (recommended) and a German-language selection in the German library, in collaboration with the Goethe Institute in Warsaw.

And if a bit of shameless self-promotion is allowed, I’m delighted to announce that I’ll be doing a combined reading/chat about German literature on May 30th as part of the Days of German Culture, celebrating 20th years of city twinning between Olsztyn and Offenburg. I’ll be reading in a fantastic location, the Planeta 11 multimedia library in the city observatory. If you’re in town, I hope to meet you there and celebrate the power of libraries with you!

Quote by Neil Gaiman, illustration by Chris Riddell

Franz

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Einer der Hauptgründe, warum ich mich für das Stadtschreiberstipendium beworben habe, ist Franz.

Bevor ich anfing an dem Buch über meine Großmutter Cilly zu arbeiten, wusste ich nicht dass dieser Mann überhaupt existiert hat. In meiner Familie gab es Gerüchte über einen von den Nationalsozialisten getöteten Verwandten, getötet als Widerstandskämpfer vielleicht oder im Chaos des letzten Kriegsjahres. Bei meinen Nachforschungen stellte ich jedoch fest, dass der Halbbruder meiner Großmutter, Franz Nerowski, vor 1939 ein Spion für Polen gewesen war und dafür sein Leben gelassen hat.

Franz wurde 1911 in Lengainen/Lęgajny in eine Bauernfamilie geboren. Ich weiß nicht viel über seinen Vater, von dem er den Familiennamen Nerowski geerbt hat. Franz‘ Vater ein halber Pole, ein Mann, der im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Nach dem Krieg heiratete meine Urgroßmutter erneut, und aus diesem Grund hat meine Großmutter einen anderen Nachnamen als Franz – sie wurde als Barabasch geboren.

Franz identifizierte sich schon früh als Pole, obwohl einen deutschen Pass hatte. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete er als Lehrer, unter anderem auch in Allenstein/Olsztyn, möglicherweise am Polnischen Haus in der Stadt, dem Zentrum der polnischen kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten in der Region in der Zwischenkriegszeit. In seiner Freizeit betätigte er sich als Folkloresammler und erforschte lokale polnische Märchen und Sagen, mit dem Plan ein Buch darüber zu veröffentlichen. Er gehörte auch zu den frühen Mitgliedern des Ortsverbandes des „Bundes der Polen in Deutschland“.

Die Familie Nerowski-Barabasch Anfang der 30er Jahre: Franz (mit fragwürdigem Haarschnitt), Otti, meine Großmutter Cilly mit erschrecktem Gesichtsausdruck, meine Urgroßmutter Ottilie, Bruno, Lucie, Otto.

1935 zog er nach Berlin und begann bei der Slawischen Bank zu arbeiten, der Bank Słowiański in der Zentrale des Bundes der Polen in Deutschland in Schöneberg. Ein Jahr später wurde er in die Wehrmacht eingezogen. In Berlin wird Franz jedoch auch vom polnischen Geheimdienst angeworben und willigt ein, seine Armeeeinheit auszuspionieren. Sein selbst gewählter Codename ist Późny, „Spät“.

Er liefert Kopien seines Soldbuches, Details über die Kasernen und Einheiten in Ostpreußen und weitere Informationen. 1937 endet sein Dienst und Franz kehrt nach Berlin zurück. 1939 wird er erneut in die Wehrmacht eingezogen und dient während der Invasion Polens (!) und Frankreichs. Während des polnischen Feldzugs erbeuten die deutschen Streitkräfte die Akten des polnischen Geheimdienstes, die natürlich auch Einzelheiten zu den Spionageaktivitäten von Franz beinhalten. Im Jahr 1941 wird er während eines Heimaturlaubs verhaftet und nach Berlin gebracht, wo alle Fälle von Militärverrat vor einem Wehrmachtsgericht verhandelt werden. Franz befindet sich über ein Jahr in Untersuchungshaft, wahrscheinlich im Gefängnis Berlin-Plötzensee.

Am 10. Juli 1942 wird Franz vom Reichskriegsgerichts der Wehrmacht zum Tode verurteilt. Er wird zum Polen erklärt, oder wie sein Urteil besagt: „Reichsdeutscher aber polnischer Volkszugehörigkeit“. Ich denke, das ihm das gefallen hat. Seine Besitztümer und Ersparnisse werden beschlagnahmt.

Franz wird in das Zuchthaus Brandenburg-Görden gebracht, das nach Plötzensee zu den Haupt-Hinrichtungststätten im Deutschen Reich gehört. Die Hinrichtungen wurden nicht angekündigt, so dass Franz und die anderen Insassen endlose Tage damit verbrachten, auf das Geräusch des Schlüssels in ihren Zellentüren zu warten. Sobald der Hinrichtungstermin feststeht, mussten die Verurteilten Stunden oder sogar die ganze Nacht vor ihrer Hinrichtung gefesselt in einer speziellen Zelle verbringen.

Am 21. August 1942 wurde mein Großonkel aus seiner Zelle im brandenburgischen Gefängnis in einen langen Korridor gebracht, wo er mit vier anderen Gefangenen in einer kurzen Warteschlange wartete. Hinrichtungen fanden an einem Montag statt, was bedeutete, dass alle Straftäter, die an diesem Tag aus ihren Zellen geführt wurden, auf einer Treppe in einer Reihe warten mussten, bis ein Wachmann „Der Nächste!“ rief und sie in die Hinrichtungskammer geführt wurden. In der Hinrichtungskammer las ein Schreiber das Urteil von Franz vor – er wurde zum Spion und Verräter erklärt – und dem örtlichen Priester wurde ein Gebet erlaubt, bevor mein noch gefesselter Großonkel auf die Guillotine gelegt und enthauptet wurde. Der gesamte Vorgang dauerte nur wenige Minuten. Franz Nerowski war 31 Jahre alt, als er starb.

Heute wird an Franz als polnischer Kämpfer gegen die Nationalsozialisten mit einer Gedenktafel auf der Burg in Allenstein/Olsztyn erinnert. Auch das hätte ihm gefallen.

Während meines Aufenthaltes in Allenstein/Olsztyn werde ich die Details im Leben von Franz Nerowski weiter erforschen, seine Überzeugungen und Erinnerungen, die Orte, an denen er lebte; genauso wie die wechselhaften Identitäten meiner Familie, die beispielhaft sind für die wechselhaften Identitäten von Ermland-Masuren. Und dann mein nächstes Buch über ihn zu schreiben.

Wenn jemand Auskunft über Franz geben kann, sei es im Zusammenhang mit seinem Arbeitsplatz im polnischen Haus oder dem Bund der Polen in Deutschland, seiner Dienstzeit in der Wehrmacht oder seinem Familienleben, wenden Sie sich bitte an krueger@kulturforum.info. Vielen Dank.

Franz

One of the reasons why I applied for the writer-in-residence stipend in Olsztyn is Franz.

Before I started working on the book about my grandmother Cilly, I never knew this man existed. There had been rumours in the family, about a relative killed by the Nazis, as a resistance member perhaps, or in the chaos of the last war year. But what I instead found out during my research was that the half-brother of my grandmother, Franz Nerowski, had been a spy for Poland before 1939.

Franz was born in 1911 in Lęgajny into a family of farmers. I don’t know much about his father, from which he inherited the Nerowski family name. As far as I know Franz‘ father was half a Pole, a man who perished in World War I. After the war, my great-grandmother married again, and this is why Franz and my grandmother do not share a last name -she was born a Barabasch.

Franz identified himself as Polish from early on (while having a German passport). After finishing his studies, he worked as a teacher in East Prussia, amongst other also in Olsztyn, potentially at the Polish House in the city, the center of Polish cultural and economic activities in the area during the interwar years. In his free time he gathered local Polish folktales to form a book. He was also one of the early members of the local chapter of the ‚Association of Poles in Germany‘.

In 1935 he moved to Berlin and began working for the Slavic Bank, a Polish bank located at the headquarter of the association in the Schöneberg neighbourhood. One year later he was drafted into the Wehrmacht. In Berlin, Franz is also secretly approached by the Polish secret service and agrees to spy on his army unit. His self-chosen code name is Późny, ‚Late‘.

He provides copies of his pay book, details about his barracks in East Prussia and so on. In 1937 his service ends, and Franz returns to Berlin. In 1939, he is re-drafted into the Wehrmacht and serves during the invasion of Poland (!) and France. During the Polish campaign, the German forces capture the files of the Polish secret service, including details about Franz‘ activity. In 1941, Franz is arrested while on home leave & brought to Berlin, where all cases of military treason are tried in a Wehrmacht court. Franz is in custody for over a year while awaiting trial, most likely in the Berlin-Plötzensee prison.

Excerpt from Franz‘ file, courtesy of Wojskowe Biuro Historyczne, the Polish Military Archives

On July 10th, 1942, Franz is sentenced to death by the Reichskriegsgerichts, the military court of the Wehrmacht. He is declared a Pole, or as his sentence states: ‚Imperial German but of Polish nationality‘. He will have liked that. His possessions and savings are confiscated.

Franz is then brought to Brandenburg prison, one of the main site of judicial execution in the German Reich after Plötzensee in Berlin. Normally, the Wehrmacht shot German military personnel like deserters and so on, but as Franz was ‚foreign spy‘ he was to be guillotined. The executions are not announced, so Franz and the other inmates spend endless days waiting for the turn of the key in their cells. Once taken, the condemned have to spend some hours or even the night before their executions shackled in a special cell.

On August 21st, 1942, my granduncle was brought from his cell in Brandenburg prison into a long corridor, where he waited in a short queue with four other prisoners. Executions were held on a Monday, meaning that all delinquents that day were led out of their cells, had to wait in a row on a staircase for a guard to call out ‚The next!‘ before they were led into the execution chamber. In the execution chamber a clerk reads Franz‘ verdict – he was declared a spy and traitor – and the local priest was allowed a prayer before my granduncle, still shackled, is put onto the guillotine and beheaded. The whole process takes only a few minutes. Franz Nerowski was 31 years old when he died.

Today, Franz is remembered with a plaque on the castle in Olsztyn as a Polish fighter against the Nazis. He would have liked that too.

So what I’m going to do while I’m here in Olsztyn is to research the details of Franz‘ life, his convictions and memories, the places he lived in; and also go explore the changeable identities of my family, which seem to be exemplary for the changeable identities of Warmia-Masury – and then to write my next book about him.

If anyone can provide information about him, either in connection with his work places or the Association of Poles, his time served in the Wehrmacht or his family life, please get in touch via krueger@kulturforum.info

Praktizierende

(scroll down for English version)

Spaziergänger sind „Praktizierende der Stadt“, denn die Stadt ist zum Laufen gemacht. Eine Stadt ist eine Sprache, eine Ansammlung von Möglichkeiten, und der Spaziergang ist der Akt, diese Sprache zu sprechen und aus diesen Möglichkeiten auszuwählen. So wie die Sprache das Gesagte einschränkt, beschränkt die Architektur das Gehen, aber der Spaziergänger findet andere Wege.

Rebecca Solnit, Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens

Ich gehe gern. Das mag seltsam klingen, da ja jeder von uns tagtäglich seine Füße bewegt. Aber ich denke, dass wir heutzutage einfach nicht genug gehen – und vor allem nicht bewusst genug. Oder, wie der Schriftsteller und Publizist Paul Sullivan in seinem Essay „Walking the City“ (Die Stadt erlaufen) schreibt:

Wie jemandem einen Brief von Hand zu schreiben, spontan einen Freund zu besuchen oder einfach auf einer Bank zu sitzen und zu beobachten, wie die Welt vorbeizieht: es ist eine der simplen Freuden des Lebens, sich langsam durch die Straßen der Stadt zu schlängeln, ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben – und eine fast völlig verloren gegangene Kunst. Während die meisten von uns argumentieren würden, dass wir immer bis zu einem gewissen Grad durch die Stadt laufen, zur Post, durch den Park, um den Block herum, ist es aber eine Kombination von Faktoren – vor allem ein allgemeines Freizeitdefizit und eine Fülle von bequemem Optionen des öffentlichen Nahverkehrs – die dafür sorgen, dass wir meistens zu Fuß nicht weit kommen.

Während meiner ersten Woche in Allenstein/Olsztyn habe ich also das gemacht, was ich immer tue wenn ich etwas über einen neuen Ort erfahren will: Ich bin spazieren gegangen. Jeden Tag, obwohl ich ein paar Mal mit dem Bus oder der Straßenbahn geschummelt habe. Zuerst zog ich mit den Füßen Kreise in und um die Altstadt und erkundete die Hauptverkehrsstraßen und Einkaufszentren, aber auch die Seitenstraßen und Gassen der Stadt und die Vororte.

Für mich, der in Allenstein/Olsztyn jetzt in zentraler Lage und ohne Auto lebt, ist es eine Stadt die zum Spazierengehen geradezu einlädt. Die neuen Parks entlang der Alle/Łyna sind angenehme Orte, und am sonnigen Freitagnachmittag hockten dort Studenten und Teenager unter den Brücken oder auf den Holzstufen am Wasser, schlürften aus Bierdosen und rauchten; Büroangestellten in der Mittagspause saßen auf Bänken und leckten Eis, und Eltern schoben gemächlich Buggys auf den Wegen links und rechts des Flusses entlang.

Von den Parks ging ich dann nach Norden, vorbei an der Burg aus dem Jahr 1346 und der Warmia-Brauerei in einer ehemaligen Mühle von 1868, und schließlich unter den Eisenbahnviadukten aus den Jahren 1871 und 1893 und den neuen Straßenbrücken dahinter durch.

Jedes Mal, wenn ich die Viadukte sehe, erinnere ich mich an Robert Budzinkis humorvolles Buch „Die Entdeckung Ostpreußens“. Budzinski (1874-1955) war Maler, Grafiker und Autor und veröffentlichte 1913 sein „Reisebuch“, das nicht nur wunderbare Holzschnitte enthält, sondern sich auch leicht über Ostpreußen als die sprichwörtlich ferne Ostprovinz lustig macht – und das obwohl Budzinski selber in Klein-Schläfken/Sławka Mała in Ostpreußen geboren wurde. Er listet auch die oft exotisch klingenden ostpreußischen Ortsnamen auf, bevor sie 20 Jahre später von den Nationalsozialisten „germanisiert“ wurden:

Bei meinen Wanderungen stieß ich wiederholt auf Ortschaften mit nicht sehr bekannten, aber desto klangvolleren Namen, so dass ich oft glaubte, mich in einer verzauberten Landschaft umherzutreiben. So fuhr ich einmal mit der Bahn von Groß-Aschnaggern über Liegentrocken, Willpischken, Pusperschkallen nach Katrinigkeiten, frühstückte in Karkeln, kam über Pissanitzen […] Bammeln, Babbeln und abendbrotete in Pschintschikowsken, übernachten wollte ich in Karßamupchen […]

Das Buch ist bis heute in gedruckter Form erhältlich, was meines Erachtens ein Beweis für seinen bis heute gültigen Humor und sein Können als Künstler ist. Unter den Brücken hindurch machte ich mich dann auf durch den Stadtwald, wobei die Alle/Łyna zu meiner Rechten zunehmend breiter wurde und nur gelegentliche Fahrradfahrer meine Einsamkeit störten. Ich mag es, draußen zu sein, spazieren zu gehen und mich ein wenig vom Tosen der Welt zu entfernen. Oder, wie Walter Benjamin in „Berliner Kindheit um 1900“ schreibt: „Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung.“ Das Schöne an Allenstein/Olsztyn ist, dass der richtige Wald nie weit ist – also kann ich mich sowohl in der Stadt als auch hier verirren. Die Dame, die mir mit ihren Hund auf dem Waldweg entgegen kam, schien jedoch mit meiner Waldeinsamkeit nicht einverstanden zu sein: sie warf mir über den Rand ihrer Sonnenbrille einen Blick zu, der eindeutig darauf hindeutete dass nur Idioten mitten im Wald stehen und in Notizbücher kritzeln.

Ich lief noch etwa 30 Minuten bevor ich mich entschied, das Alle/Łyna-Tal zu verlassen und in die Innenstadt zurückzukehren. Ich erklomm also den Waldhang rechts des Flusses und stieß auf das alte Leśny-Stadion, das jetzt fast vollständig vom Gras und den Bäumen zurückerobert wurde. Hier hat Leichtathlet Józef Szmidt (das sogenannte „Schlesische Känguru“, geboren 1935 und Ehrenbürger von Olsztyn) 1960 den Weltrekord für Dreisprung gebrochen, und zwar mit einer Weite von 17,03 Metern. Und ich fragte mich, ob der weiche Torfboden hier etwas damit zu tun hatte.

Etwas weiter stieß ich auf ein Graffiti von drei Rittern auf einer Wand, vielleicht ein harmloses Abbild der Ritter des Deutschen Ordens, die diese Wälder vor langer Zeit heimgesucht hatten. Eine nicht ganz so harmlose Erinnerung an die gewalttätige Vergangenheit fand ich weiter die Strasse hinauf: zwei Ehrenfriedhöfe, ein deutscher mit Toten aus beiden Weltkriegen, restauriert und gepflegt von der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit: Männer mit dem Todesjahr 1914 liegen neben Männern mit den Geburtsjahr 1914. Der andere Friedhof ist ein kleiner russischer Grabplatz ohne Grabsteine oder -kreuze, aber mit einem deutschen Gedenkstein aus dem Jahr 1914 mit der Inschrift:

Hier ruhen russische Soldaten, die dem Gebote ihres Herrschers folgend im Kampfe gegen die Befreier Ostpreußens den Tod erlitten und fern von ihrer Heimat beigesetzt sind

Die Errichtung dieses Steins erscheint mir jetzt, in der Gegenwart, wie eine vergebliche ehrenvolle Geste die es nur zu Anfang des Krieges hat geben können, bevor der industrialisierte Massenmord an der Somme, in Verdun und während der Brussilow-Offensive alle Menschlichkeit vollends ausradierte.

Als ich von den Friedhöfen zurück ging war mein Kopf voller düsterer Gedanken, aber Zufall, Sonnenstrahlen und die Stadt munterten mich wieder auf: neben mir hielt ein Pizzataxi und zwei junge Mädchen kamen aus dem Wald, mysteriöserweise angetan mit weißen Plastikantennen auf dem Kopf und weißen Plastikflügeln auf dem Rücken. Sie bezahlten die Pizza, nahmen die Kartons und hüpften zurück in den Wald, zurück zum allerersten Feen-Pizza-Picknick dieses Frühlings in Allenstein/Olsztyn.

Practitioners

Walkers are ‚practitioners of the city,‘ for the city is made to be walked. A city is a language, a repository of possibilities, and walking is the act of speaking that language, of selecting from those possibilities. Just as language limits what can be said, architecture limits where one can walk, but the walker invents other ways to go.
― Rebecca Solnit, Wanderlust: A History of Walking

I like walking. This seems to be an odd statement, given that anyone does that on a daily basis. But I think we don’t walk enough these days, and not consciously enough. Or, as writer and editor Paul Sullivan writes in his essay Walking the City:

Like writing someone a letter by hand, visiting a friend across town spontaneously or just sitting on a bench and watching the world go by, the act of meandering slowly through the city streets with no particular destination in mind is one of life’s simple pleasures – and an almost entirely lost art. While most of us would argue that we do stroll through the city to some extent – to the post office, through the park, around the block – a combination of factors, chief among them a general deficit of leisure time and an abundance of convenient public transport options, conspire to ensure we usually don’t get very far on foot.

So during my first week in Olsztyn I did what I always do when I want to learn about a place: I went for a walk. I actually went on a walk every day, though some days I cheated by taking a bus or the tram. I first drew circles in and around the old town with my feet, exploring the main thoroughfares and shopping centres, but also the back alleys, laneways and suburbs of the city.

For me, someone who is now living in a central location and without a car, Olsztyn really is a city that lends itself to walking. The new parks along the Łyna river (the German Alle) are pleasant places to stroll and to linger, and on Friday afternoon there where students and teenagers sitting under bridges or on the wooden steps that lead down to the water, swigging from beer cans and smoking; office workers on their lunch break sat on benches and licked ice cream, parents leisurely pushed buggies along the pathways left and right of the river.

From the parks, I then walked northwards, past the castle from 1346 and the Warmia brewery from in a former mill building from 1868, and finally under the railway viaducts from 1871 and 1893 and the newer road bridges into the city forest proper. Every time I see the viaducts I’m reminded of Robert Budzinki’s tongue-in-cheek travel book ‚Die Entdeckung Ostpreußens‘ (The Discovery of East Prussia).

Budzinski (1874 -1955) was a painter, graphic artist and author, and – even though he himself was born in East Prussia in Klein-Schläfken (Sławka Mała today) – in 1913 published his ‚travel book‘ which is not only full of wonderful woodcuts, but also sardonically talks about East Prussia as the proverbial distant eastern province. He also records the often exotic-sounding East Prussian place names, before they were ‚Germanised‘ by the Nazis 20 years later:

During my wanderings I continuously discovered places with not very known but quite illustrious names; so that I often thought I was roving about in a magical landscape. One day I took the train from Groß-Aschnaggern to Liegentrocken, Willpischken, Pusperschkallen and Katrinigkeiten, breakfasted in Karkeln, arrived in Pissanitzen, Bammeln, Babbeln, and had dinner in Pschintschikowsken while aiming to overnight in Karßamupchen.

The book remains in print until today, which I think is a testament to his enduring humour and skill as an artist. From under the bridges then I made my way into the city forest proper, with the Łyna growing wider to my right and only the occasional biker disturbing my solitude. I like to be out, walking, slightly removed from the noise of the world. Or, as Walter Benjamin writes in ‚Berlin Childhood around 1900‘, ‚Not to find one’s way around a city does not mean much. But to lose one’s way in a city, as one loses one’s way in a forest, requires some schooling.‘ The beauty of Olsztyn is that the forest proper is never far – so I can train to get lost both here and in the city. The lady walking her dog just that came towards me on the forest path did not seem to agree with my Waldeinsamkeit: the look she gave me over the rim of her sunglasses seemed to suggest that only idiots stand in the middle of a forest and scribble in notebooks.

I continued for another 30 minutes before I decided to leave the Łyna valley and loop back to the city centre. I walked up the wooden slope right of the river and came across the Leśny Stadium, now almost completely reclaimed by grass and trees, where athlete Józef Szmidt (the so-called ‚Silesian Kangaroo‘, born in 1935 and an honorary citizen of Olsztyn today) broke the world record for triple jump in 1960 with a length of 17.03 metres. I wonder if the soft peat soil here had something to do with that. Further on, I came across a graffiti of three knights on a wall, maybe a harmless reflection of the Teutonic Knights that haunted these woods long ago.

A not so harmless reminder of the violent past was just up the road – two cemeteries of honour, one a German one with dead from both World Wars that was restored and is looked after by the German Minority Association of Olsztyn, with men who died in 1914 lying next to men who were born in 1914; and the other a small Russian plot, with no headstones left but a German memorial set up in 1914 that reads:

Here rest Russian soldiers who followed the orders of their ruler, found their death fighting against the liberators of East Prussia and are now buried far from their home

It seems a futile honourable gesture, something that would have surely not been set up following the industrialised mass murder of the Somme and Verdun and during the Brussilov offensive, which surely eradicated all humanity left then.

When I walked back from the cemeteries, my head full of somber thoughts, chance and sunlight and the city cheered me up: a pizza taxi stopped near the forest entrance and two teenage girls emerged from the woods, inexplicably wearing white plastic antennae and white plastic fairy wings. They paid for the pizza and skipped back into the woods, to what I can only imagine must have been the first fairy pizza picnic of spring in Olsztyn this year.

Bring mich an einen guten Ort

Ich sitze in meiner Wohnung in der Altstadt von Allenstein/Olsztyn und blicke auf das Wysoka Brama, das alte Stadttor aus dem 14. Jahrhundert. In den nächsten Monaten werde ich hier über meine Sicht auf die Stadt reflektieren, über die Menschen, die Flüsse und Seen, die Geschichte der Stadt – die direkt mit der Geschichte meiner Familie zusammenhängt.

(scroll down for English version)

Und so tauschte ich roten Backstein, das Meer und die Berge gegen roten Backstein, Felder, Seen und Flüsse. Von meinem Backstein-Haus aus dem Jahre 1875 in der alten Grenzstadt Dundalk, die zum Schutz des „Pale“, des Besitzes der normannischen und englischen Herrscher an Irlands Ostküste, vor den wilden Ulster-Iren erbaut worden war, machte ich mich auf den Weg durch die Hügel der Grafschaften Armagh und Down zum Belfast International Flughafen, von wo aus mein Flugzeug in einer Kurve über das Blau des Lough Neagh aufstieg und die Küste der Grafschaft Antrim in Richtung Schottland überquerte. Meine irische Lieblingsinsel Rathlin war das letzte was ich von der grünen Insel sah, bevor der braune Klumpen des Mull of Kintyre sich ins Bild schob. Dann weiter über die Nordsee, Dänemark und die Ostsee, bis der Landeanflug uns nach Danzig/Gdańsk hinab brachte und mir einen kurzen Blick auf das helle Blau des Frischen Haffs ermöglichte. Von Danzig/Gdańsk aus zuckelte dann der kleine Zug der polnischen Eisenbahnlinie PKP, der aus nur drei Waggons bestand, durch die Rapsfelder Pommerns und über die alte Grenze nach Ostpreußen bei Dirschau/Tczew, über die Weichsel auf der Eisenbahnbrücke von 1888. Die beeindruckende Marienburg konnte ich nur kurz aus der Bahn betrachten als eine buntgekleidete Gruppe japanischer Touristen ausstieg, und danach ging es weiter in die hügeligen Felder und Wälder Ermlands in der Sonne, bevor er schließlich mein Zug in Olsztyn Zachodni, dem Westbahnhof von Allenstein, anhielt.

Jetzt sitze ich in meiner Wohnung in der Altstadt von Allenstein/Olsztyn, einer Wohnung, die auf das alte Stadttor aus dem 14. Jahrhundert blickt, das Wysoka Brama. In den nächsten Monaten werde ich hier der offizielle Stadtschreiber sein und über mich in der Stadt und meine Außenseiter-Sicht auf die Stadt selber reflektieren, über die Menschen, die Flüsse und Seen, die Geschichte der Stadt – die direkt mit der Geschichte meiner Familie zusammenhängt. Für mein Buch Von Ostpreußen in den Gulag, welches die Geschichte meiner Großmutter Cilly erzählt, die in Lengainen (heute Lęgajny) wenige Kilometer außerhalb von Allenstein/Olsztyn geboren wurde, habe ich meinen Eindruck der Stadt aufgezeichnet, als ich 2012 zum ersten Mal hierher kam:

Als ich aus dem Zug von Gdańsk nach Olsztyn steige, wünschte ich fast, es wäre Winter. Im Zug selbst war es noch angenehm gewesen, da frische Luft durch das halb geöffnete Fenster meines Abteils wehte, aber am Bahnsteig in Olsztyn erwartet mich eine schwüle Julihitze, in der mir das Atmen schwerfällt. Es ist 32 Grad, kein Lüftchen regt sich, und ich habe beschlossen, meine Taschen durch die Innenstadt bis zum Hotel zu tragen. Ich könnte ein Taxi nehmen, aber ich traue mir mit meinem spärlichen polnischen Wortschatz nicht zu, mein Ziel benennen zu können, daher verlege ich mich aufs Laufen. Der postmoderne Beton des Hauptbahnhofs und der rissige Asphalt davor lassen nicht darauf schließen, dass ich mich in einer mittelalterlich geprägten Stadt befinde; es scheint bloß eine weitere, kleine Provinzstadt irgendwo in Polen zu sein. Überall sieht man Plattenbauten, die bevorzugten Wohnblocks der Länder des Warschauer Pakts, hin und wieder ein paar alte Busse und ausgedörrte Parks zwischendrin. Es stinkt nach Autoabgasen.

Ich habe meine Ansichten über die Stadt seitdem geändert, und habe das grüne Tal des Łyna-Flusses, die Altstadt – die im Sommer immer sehr geschäftig ist – und die manchmal rauhe, aber immer herzliche Natur der Menschen hier zu schätzen gelernt. Ich freue mich angekommen zu sein und in den nächsten Wochen und Monaten mehr über Allenstein/Olsztyn und mich zu erfahren. Roter Backstein ist roter Backstein.

Take Me Somewhere Nice

And so I swapped red brick, the sea and the mountains for red brick, fields, lakes and rivers. From my red brick house from 1875 in the old Norman frontier town of Dundalk, fortified to protect the Pale from the wild Ulster Irish, I made my way up North through the drumlin foothills of Armagh and Down to Belfast International, from where my plane ascended, making a turn over the blue waters of Lough Neagh and then crossing the Antrim Coast towards Scotland, my favourite Irish island Rathlin the last thing seen before the brown lump of the Mull of Kintyre came into view. Over the North Sea proper then, Denmark and the Baltic, finally swooping down into Gdańsk with the Vistula Lagoon glimpsed during the descent. From Gdańsk the small PKP train, consisting of just three carriages, jogged through the rape fields of Pomerania, and then across the old border to East Prussia at Tczew and across the River Vistula on the railway bridge from 1888; intimidating Malbork castle just glimpsed from the station as a colourful group of Japanese tourists left the train, and then into the rolling fields and woods of Warmia under the sun, before finally stepping from the train at Olsztyn Zachodni, the West Station.

Now I sit in my apartment in the old town of Olsztyn, or Allenstein as the Germans called and call it, an apartment which looks out over the old town gate from the 14th century, the Wysoka Brama. For the next few months I will be the official writer in residence here, recording myself in the town and my outsider view of the town itself; its people, its river and lakes, its history – which is linked to the history of my family. For my book Babushka’s Journey, which tells the story of my grandmother Cilly who was born in Lengainen (Lęgajny today) a few kilometres outside of Olsztyn, I recorded my first impression of the city when I arrived here for the first time in 2012:

As I step from the Gdansk-Olsztyn train, I almost wish it was winter. While the train had been nice and airy, with the wind blowing through the half-open window in my compartment, stepping out into the festering August heat in Olzstyn is like a slap in the face. It’s 32 degrees Celsius, there’s no wind, and I have decided to carry my bags through town to my hotel. I could take a taxi, but I don’t trust my tiny supply of Polish words to get me there, so I resort to walking. The post-modern concrete of the central station and the cracked asphalt in front of it does not suggest I am in a medieval city at all, merely another small provincial town somewhere in Poland. Prefabricated concrete high-rises, the preferred tenement buildings of the Warsaw Pact, are everywhere, with a few old buses and small dried-out parks thrown in. It smells of exhaust fumes.

I’ve changed my opinion of the city since then, and learned to appreciate the leafy valley of the Łyna river, the old town – always busy in summer – and the sometimes rough but always welcoming nature of the people here. I’m excited to have arrived, and to find out more about Olsztyn and myself in the coming weeks and months. Red brick is red brick.