Kaliningrad, mon amour (I): Duell wegen einer Dame

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Die Stadt Allenstein/Olsztyn meiner Großmutter war für mich niemals abstrakt, niemals ein Sehnsuchtsort. Es war ein Ort dieser Welt, eine Stadt mit Kirchen, einer Burg, einem hohen Rathausturm und Hausfrauen, bei denen die Mädchen aus Lengainen/Łęgajny Kochen lernten und Tischmanieren beigebracht bekamen.

Das Gegenteil ist der Fall, wenn es um Königsberg/Królewiec geht. Königsberg/Królewiec ist für mich vollkommen abstrakt, ein Mythos, ein tatsächlicher Sehnsuchtsort. Aus irgendeinem Grund habe ich mich nie mit der Realität des Kaliningrad der Gegenwart beschäftigt, vermeide es Karten zu betrachten oder in Google Maps drauf zu zoomen. Aber meine Königsberger Mythen sind untergewichtig: Ich weiß, dass es die Stadt war, in der der 80-jährige Kant jeden Morgen schrieb, obwohl er fast blind war, die Stadt der weltberühmten Albertina-Universität, die Stadt, in der Käthe Kollwitz geboren wurde und Hanna Arendt zur Schule ging, ein Ort der Aufklärung und des Humanismus in der konservativen Welt Ostpreußens. Und es war eine Stadt, die durch britische Bomben, Granaten der Roten Armee und kommunistischen Beton unterging. Das ist alles, was ich habe.

Im August werde ich dank des neuen Kaliningrader Visums, das seit dem 1. Juli erhältlich ist, endlich Gelegenheit haben, die Stadt zu besuchen. Ich kann den Mythos mit der Realität vergleichen. Aber schon vorher wurde mir klar, dass es in Allenstein/Olsztyn viele Spuren des alten Königsbergs gibt, von denen nicht alle sichtbar sind. Am auffälligsten im Stadtbild ist der Turm der Herz-Jesu-Kirche/Kościół Najświętszego Serca Pana Jezusa, der eine Kopie des Turms des Königsberger Schlosses ist. Und es gibt noch mehr: Es hat mich sehr gefreut zu entdecken, dass sich im Staatsarchiv/Archiwum Państwowe in Allenstein das Archiv der Albertina befindet. Die Geschichte des Archivs ist dramatisch: Aus Königsberg ausgelagert bevor die Rote Armee den Belagerungsring um die Stadt schließen konnte, schafften es die meisten Teile des Archivs nur bis ins Ermland. Von hier aus wurde diese nach Göttingen in die britische Besatzungszone transportiert, wo von der britischen Version der „Monuments Men“ ein Depot für wichtige Materialien eingerichtet worden war; und schließlich auf Ersuchen der neuen polnischen Regierung nach Allenstein/Olsztyn zurückgebracht in den späten 1940er Jahren.

In dem unauffälligen braunen Gebäude an der Partyzantów sind Papiere aus den letzten 400 Jahren gelagert: Rechnungen, Quittungen, Aufstellungen über Hochzeiten und Beerdigungen, aber auch viel profanere Berichte, die mir beim Betrachten geholfen haben, das Leben der Menschen in Königsberg/Królewiec besser zu verstehen. Im Katalog des Archivs fand ich Einträge über Schlägereien zwischen Studenten und Kaufmannsgehilfen, einen Eintrag von 1914 bis 1918 mit dem einzigen Titel „Der Krieg“ und eine ganze Reihe von Duellen. Das letzte war aus dem Jahr 1907 und führte diskret nicht den Namen der Teilnehmer auf, sondern nur „Duell wegen einer Dame“. Und ich werde für immer neidisch auf die Handschrift des Dekans Hagen sein:

Dr. Agnieszka Pufelska vom Nordost-Institut in Lüneburg untersucht derzeit das Archiv und hofft, ein Projekt zu initiieren, bei dem alle vorhandenen Materiellen transkribiert, digitalisiert und dann öffentlich zugänglich gemacht werden. In einem ersten Schritt werden alle Einträge zu Immanuel Kant für das Kant-Jahr 2024 online zur Verfügung gestellt.

Dr. Pufelskas Arbeit ist nicht einfach: Polnische Archive lehnen es aufgrund einer Anweisung des Ministeriums aus dem letzten Jahr häufig ab, mit ausländischen Forschern zusammenzuarbeiten. Die Online-Rekonstruktion des Albertina-Archivs wäre jedoch ein wahrer internationaler Erfolg. Es gibt Materialien in Kaliningrad und Vilnius, und wenn die Institutionen, die diese Materialien verwalten, mit Allenstein und deutschen Partnern zusammenarbeiten könnten, wäre es eine fantastische Möglichkeit, nicht nur die Informationen aus der Albertina für Gelehrte und Laien gleichermaßen online zugänglich zu machen, sondern auch virtuell einen Teil von Königsberg/Królewiec nachzubilden, der für immer für verloren geglaubt wurde. Und es würde den Status von Allenstein/Olsztyn als den Nachfolger von Königsberg/Królewiec weiter stärken, als Hauptstadt und wissenschaftliches, kulturelles und administratives Zentrum Ermland–Masurens.

Bei Interesse an Dr. Pufelkas Arbeit, dem Archiv und der Arbeit im Kant-Jahr kann man Kontakt mir ihr aufnehmen: A.Pufelska@ikgn.de

Kaliningrad, Mon Amour (I): Duel for a Lady

Image by Valdis Pilskalns

The Allenstein of my grandmother was never an abstract place for me, never a place of longing or Sehnsuchtsort, as the Germans call it. It was a place in the world, with churches, a castle, a tall town hall tower and housewives who taught the girls from Lengainen cooking and table manners.

The total opposite is true when it comes to Königsberg. This is an abstract place for me, a myth, a Sehnsuchtsort. For some reason I never engaged with the reality of the contemporary city, actively avoided looking at maps of it and rarely zoomed in on Google Maps. But even my Königsberg myths are underfed: I know that it is the city were septuagenerian Kant still wrote every morning despite being almost blind, a place where Käthe Kollwitz was born and Hanna Arendt went to school, a place of enlightenment and humanitarianism in the conservative world of East Prussia. It was a city that was bombed and shot to smithereens together with its inhabitants in 1945 thanks to the Nazis, and subsequently covered under communist concrete. That is all I have.

In August I will finally have a chance to visit thanks to the new Kaliningrad visa that is available since July 1st. It will be a chance to compare the myths that I preserved so long with reality. But I realised that there are many traces of the old Königsberg in Olsztyn, not all of them visible. The most striking is the tower of the Heart of Christ church, which is a copy of the one of Königsberg castle. And there is more: I was delighted to find out that the State Archive in Olsztyn is home to the archive of the Albertina University itself. The story of the archive is fascinating: transported out of Königsberg before the Red Army closed the siege around the city, it only made it to Warmia. From here it was transported to Göttingen in the British zone of occupation, where a depot for looted art and other important material had been set up by the British version of the „Monuments Men“ and finally returned to Olsztyn upon request of the new Polish authorities in the late 1940s.

There is paperwork from the last 400 years hidden in the unobtrusive brown building on Partyzantów: bills, receipts, accounts of weddings and funerals, but also much more mundane reports that, when looking at it for the first time, helped me to better imagine the humans of Königsberg and what happened to them. In the catalogue of the archive I found entries about fights between students and merchant apprentices, an entry dated 1914 to 1918 just stating „The War“, and a whole bunch of duels. The latest I found was from 1907 and discretely did not list the name of the participants, but instead just stated „Duel for a lady.“ I’ll also be forever jealous of the handwriting of dean Hagen:

Dr. Agnieszka Pufelska from the Nordost Institute in Lüneburg is currently investigating the archive and hopes to initiate a project that will see all of it transcribed and digitalised. As a first step, all entries relating to Immanuel Kant will be made available online for the Kant Year 2024. Dr. Pufelska’s work is not easy: Polish archives these days often refuse to work with foreign researchers due to an order from ministry from last year. But recreating the Albertina archive online would mean a truly international success: there are also materials in Kaliningrad and Vilnius, and if the institutions housing these materials could work together with Olsztyn it would be a fine possibility not only to make the information from the Albertina available for scholars and amateurs alike, but also to recreate a virtual part of Königsberg, one that was thought lost forever. And it would also further strengthen the status of Olsztyn as the new Königsberg, the capital and scientific, cultural and administrative center of Warmia-Mazury.

If you are interested in Dr. Pufelka’s work, the archive and the publication in the Kant Year you can contact her: A.Pufelska@ikgn.de

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