Generation Europe

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Das Vaterland des echten Schriftstellers ist seine Sprache. Ihm allein ist die Gnade zuteil geworden, seine Heimat mit sich zu führen.

Joseph Roth, Niederlage der Gerechtigkeit

Je älter ich werde, desto pessimistischer werde ich. Ich schaue auf die Welt und sehe nur, wie wir Menschen immer und immer wieder dieselben Fehler machen; und besonders in Europa marschieren wir dick und zufrieden in Richtung Katastrophe, während wir konsumieren, als gäbe es kein Morgen, und wieder über das Errichten von Mauern diskutieren, 30 Jahre nachdem wir die letzten eingerisen haben. Aber manchmal schöpfe ich Hoffnung, meistens, wenn im Rahmen meiner Arbeit junge Menschen treffe. Dann habe ich oft das Gefühl, dass noch nicht alles ist verloren ist.

Eine solche Gelegenheit war letzte Woche, als ich den „Generation Europe Workshop“ in Sensburg/Mrągowo traf. „Generation Europe“ ist ein internationales Netzwerk von Jugendeinrichtungen zur Förderung einer aktiven europäischen Zivilgesellschaft. Es versucht, die beteiligten Jugendlichen zum gemeinsamen politischen Handeln zu motivieren und schafft die Voraussetzungen dafür. Möglich gemacht wird die Zusammenarbeit durch ein Förderprogramm des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks e.V., deren lokaler Partner in Polen die Stiftung Borussia ist, die mich eingeladen hat.

Borussia ist eine von 30 teilnehmenden Einrichtungen aus 15 europäischen Ländern. In jedem Workshop arbeiten Jugendliche aus drei Ländern über einen Zeitraum von drei Jahren kontinuierlich zusammen, um sich politisch zu engagieren. In Sensburg/Mrągowo traf ich junge Menschen aus der ganzen Welt, darunter Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern, in drei Gruppen aus Spanien, Deutschland und Polen. Sie alle hatten sich bereits letztes Jahr in Deutschland getroffen und werden sich nächstes Jahr in Spanien wiedersehen. Während ihrer Zeit in Polen tauschen sie sich aus, diskutieren über Ideen und treffen lokale Politiker und andere Akteure – einer davon war ich. Fast zwei Stunden lang sprachen wir über Aktivismus, Europa, was Schreiben und Bücher zum politischen Diskurs beitragen können und was nicht und wie Kunst funktioniert. Für mich war die Energie, die von der Gruppe ausging, fantastisch zu erleben, und ich trat die Rückfahrt nach Allenstein/Olsztyn mit einem Gefühl der Hoffnung an. Ausnahmsweise.

Foto von EiR Foto

Die Gruppe beendete ihren Aufenthalt in Sensburg/Mrągowo mit einer Performance, die sie selbst geschrieben und einstudiert hatten. Eine wirklich beeindruckende Gruppe junger Menschen. Mit einigen von ihnen hatte ich ausführlicher über den Prozess des Schreibens gesprochen, und ich bin sehr froh, dass eine von ihnen, eine junge Dichterin aus Afghanistan namens Khatoon Jalali, freundlicherweise zugestimmt hat, eines ihrer Gedichte hier zu veröffentlichen. In ihren eigenen Worten:

Khatoon Jalali ist eine junge afghanische Dichterin und erst seit September 2015 in Deutschland. Geboren ist sie im Jahr 2000 in Herat und hat mit der Familie fünf Jahre auf der Flucht vor den Taliban im Iran gelebt, ehe sie auf mühsame, abenteuerliche und sehr gefährliche Weise nach Deutschland gelangte. Ihr war es als Mädchen weder in Afghanistan noch im Iran erlaubt, eine Schule zu besuchen. Sie hat durch ein außergewöhnliches, gefördertes Schulprojekt ihre Liebe und Fähigkeit zur Poesie entdeckt, was ihr zudem ermöglicht, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Gedicht 3

Ich habe mein Herz, meine Gedanken in einer
unbekannten Welt
ein Gefühl, ein Gewissen steckt in mir immer noch
ein Gedanke hier, ein Gedanke dort
jede Sekunde, jede Minute kommt ein neuer Bescheid
Ein Bescheid vom Tod, ein Bescheid von Bomben
ach, meine Heimat, ach, wann wird Freude, Ruhe
zurückkommen
wann wird endlich ein Lächeln auf unserer Familie
sein!
Ich bin hier, ich bin hier, aber meine Seele, mein Herz,
mein Gewissen
Ist immer bei meinen unschuldigen Leuten.
Ach, mein Heimatland, ach!!!

Foto von EiR Foto

Generation Europe

The homeland of the real writer is his language. He alone has the grace to carry his home around with him.

Joseph Roth, Niederlage der Gerechtigkeit

The older I get, the more pessimistic I become. I look at the world and see us humans making the same mistakes over and over again, and especially we in Europe happily march towards disaster while consuming like there’s no tomorrow and talk about erecting walls again, 30 years after we managed to tear down the last ones. But then there are time, mostly when I meet young people as part of my work, that I feel not everything is lost and we humans might still be able to make it.

One such occasion was last week, when I met the Generation Europe workshop in Mrągowo. Generation Europe is an international network of youth work institutions for furthering an active European civil society. It tries to motivate participants towards common political action and creates the necessary foundations. Made possible by a funding programme by the German International Association for Education and Exchange e.V., its local partner in Poland is the Borussia Foundation which invited me along.

Borussia is one of 30 youth work institutions from 15 European countries that are taking part. In each instance, youths from three countries continually collaborate over a duration of three years in order to get politically involved. In Mragowo I met young people from all across the globe, among them refugees from Syria, Afghanistan and elsewhere, in three groups coming from Spain, Germany and Poland. They had all met in Germany last year already, and will meet again in Spain next year. During their time in Poland, they exchange and discuss ideas and meet local politicians and other actors -among them yours truly. For almost two hours we talked about activism, Europe, what writing and books can and can’t contribute to political discourse, and how art works. For me the energy coming from the group was fantastic to experience, and I left being full of hope.

Image by EiR Foto

The group finished their stay in Mragowo with a performance they had scripted and rehearsed themselves. A truly impressive group of young people. With some of them I had also discussed the process of writing in a bit more detail, and I’m very happy that one of them, a young poet from Afghanistan, has kindly agreed to publish one of her poems here. In her own words:

Khatoon Jalali is a young Afghan poet and in Germany since September 2015. She was born in Herat in 2000 and lived with her family in Iran for five years while fleeing the Taliban before she reached Germany following a dangerous, adventurous and very hazardous journey. As a woman, she was not allowed to visit school in neither Afghanistan nor Iran. She discovered her love and talent for poetry through an extraordinary and supported school project, which also enabled her to process her traumatic experiences.

Poem 3

I have my heart, my thoughts in an
unknown world
A feeling, a conscience are still in me
A thought here, a thought there
Each second, each minute there a more messages
Messages of death, messages of bombs
Oh my homeland, oh when will happiness and peace
return
When will there be a smile upon our family?
I am here, I am here, but my soul, my heart,
my conscience
Is always with my innocent people.
Oh my homeland, oh!!!

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