Olga Tokarczuks Stuhl

To the English version

Foto von Ugur Akdemir auf Unsplash

In einem Interview mit dem Calvert Journal im letzten Jahr hat Autorin Olga Tokarczuk ihr Erstaunen über das Alter der Möbel auf einem altem schottischen Anwesen ausgedrückt, auf dem sie sich für ein Schriftstellerstipendium aufhielt. Einige davon waren aus dem 16. Jahrhundert. „Wir haben keine so stabile Realität“, sagte sie. „Polen liegt im zentralen Korridor Europas.“

Dem stimme ich zu, auch weil ich auf einer Insel lebe. Während Irland über die Jahrhunderte seinen Anteil an Gewalt und Tragödien erlebt hat, fühlt es sich hier doch oft an, als ob Objekte und Orte, durch Zufall oder Schicksal, ein längeres Leben haben. In meiner Straße in Dundalk steht der um 1240 erbaute Glockenturm eines Franziskanerklosters, und das letzte Mal, das dieses Gebäude gezielt Gewalt erlebt hat, war um 1315, als einmarschierende Schotten unter Edward the Bruce es niederbrannten und 23 Mönche töteten. Verstreut in der Stadt sind viktorianische Briefkästen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, immer noch im Einsatz, die königlichen Insignien immer noch sichtbar unter der republikanischen grünen Farbe, die nach 1921 aufgetragen wurde. Und es gibt viele hundert Jahre alte Tische und Stühle in der ganzen Stadt, keiner davon in einem Museum.

In Allenstein/Olsztyn ist das anders. Hier sind die Tragödien und Invasionen zahlreicher. Letzte Woche ging ich im Park in Jakobsberg/Jakubowo mit der Radiojournalisten Alicja Kulik spazieren, und wir sprachen über Melancholie und das Interview mit Olga Tokarczuk. Der Park bietet einen nahezu perfekten Querschnitt der Schrecken, die die Stadt in der Vergangenheit heimgesucht haben, und ich muss nicht bis ins Mittelalter zurückgehen, um diese zu finden. Der Park wurde im Jahre 1862 angelegt, in einer Zeit, in der sich Allenstein/Olsztyn dank der preußischen Eisenbahn und Armee von einem kleinen Provinzstädtchen zur zweitwichtigsten Stadt von Ostpreußen entwickelte. Ein Restaurant wurde gebaut, eine Tanzhalle und Tennisplätze. Heute ist der Park ein angenehmer Ort zum Spazierengehen und faulenzen, mit einem kleinen See, Spielplätzen und viel Schatten unter den hohen Bäumen. Aber die Schrecken sind auch hier sichtbar, durch die Gebäude und Denkmäler. Der große evangelische Friedhof auf der anderen Straßenseite wurde 1973 geschlossen und ebenfalls in einen Park umgewandelt. Die kleine neugotische Kapelle aus rotem Backstein, die dort steht, wurde 1904 erbaut und ist heute die orthodoxe Kirche des Schutzes der Mutter Gottes. Direkt daneben befindet sich das Denkmal für Bogumił Linka (1865-1920), einen nationalistischen und sozialen Aktivisten, der sich auf der Versailler Konferenz für den Anschluss von Ermland/Warmia und Allenstein/Olsztyn an die neu geschaffene polnische Republik einsetzte und von einer deutschen Miliz während der ostpreußischen Volksabstimmung von 1920 getötet wurde. Das Denkmal von Bildhauerin Balbina Świtycz-Widacka wurde im Jahr 1975 errichtet und das vielleicht an einem passenden Ort: zurück im Park auf der anderen Straßeseite errichteten die Bürger von Allenstein/Olsztyn im Jahr 1928 das so genannte Abstimmungsdenkmal, eine Gedenkstätte an den Verbleib der elf südlichen Kreise Ostpreußens im Deutschen Reich nach der Volksabstimmung von 1920. Zusammen mit einem ähnlichen Denkmal in Marienburg/Malbork und das Tannenbergdenkmal in Hohenstein/Olsztynek war es eine der wichtigsten nationalistischen Gedenkstätten in Ostpreußen.

Gegenüber von diesem Ort befindet sich eine Erinnerung an das, was extremer Nationalismus anrichten kann: Auf der anderen Straßenseite, an der Baczewskiego-Straße, ruhen die Opfer der Nationalsozialisten. Hier liegen Insassen des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses in Kortau/Kortowo (heute Sitz der Uni), die im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis ermordet wurden, Opfer aus Nebenstellen der Konzentrationslager in Ostpreußen und Zivilisten aus den letzten Tagen des Krieges. Andere Patienten, Personal und Flüchtlinge in Kortau/Kortowo wurden 1945 von der Roten Armee massakriert.

Das Abstimmungsdenkmal wurde 1972 durch ein anderes Denkmal ersetzt, eine monumentale Plastik des Bildhauers Bolesław Marschall, gewidmet den „polnischen Helden im Kampf um die nationale und gesellschaftliche Befreiung von Ermland-Masuren“. Und am Ende der nahegelegenen Sybiraków-Allee steht ein Denkmal für all die Polen, die in den Gulag und die Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion verschleppt wurden. Auf dem Denkmal ist eine Liste der Orte, an die die Menschen geschickt wurden, darunter Sverdlovsk im Ural (Jekaterinburg heute), wohin auch meine Oma von ihrem Hof ​​am Rande der Stadt Allenstein/Olsztyn verschleppt wurde.

All diese Tragödien und Schrecken in weniger als 100 Jahren und dennoch versuchen einige Menschen immer, sie für politische Zwecke zu beanspruchen. Aber ich denke, es gibt bessere Vermächtnisse der Menschen, die vor uns hier waren. Der Park ist ein schöner Ort, und als Alicja und ich dort spazierten, schien die Sonne und eine lärmende Gruppe Schulkinder spielte auf den Klettergerüsten. Alicja machte mich auf einen alten Brunnen aufmerksam, eine schön verzierte Steinschale ohne Wasser umgeben Bänken. „Vielleicht ist das unsere lokale Version von Olga Tokarczuks Stuhl“ sagte sie und ich denke, sie hatte Recht. Vielleicht ist das eine bessere Art, die Vergangenheit zu betrachten. Unabhängig davon, wer es geschaffen hat, sollten wir Menschen in der Lage sein, die guten Dinge zu teilen, ohne Neid und Hass. Vielleicht hat ein deutscher oder jüdischer oder polnischer oder russischer Bildhauer den Brunnen geschaffen, aber ich weiß nicht, ob das eine Rolle spielt. Es ist ein schöner alter Brunnen in einem netten Park.

Olga Tokarczuk’s Chair

In an interview with the Calvert Journal last year, writer Olga Tokarczuk expressed her shock about the age of the furniture that she discovered on an old Scottish estate where she stayed for a writers’ scholarship, some of it dating back as far as the 16th century. “We don’t have such a stable reality,” she said. “Poland is in the central corridor of Europe.”

This is a notion I concur with, living on an island. While Ireland has and had its fair share of violence and tragedy over the centuries, it often feels here as if more objects and places have been given longevity, by fate or coincidence. On my street in Dundalk I have the bell tower of a Franciscan abbey built around 1240 AD, and the last time the building has seen targeted violence was around 1315 AD, when invading Scots under Edward the Bruce burned it and killed 23 monks. There are Victorian postboxes strewn around town that were erected in the second half of the 19th century and are still in use, the royal insignia clearly visible under the Republican green paint applied after 1921. There are plenty of hundred-year old tables and chairs still in use in households across town that are not in a museum.

It is different in Olsztyn. Here the tragedies and invasions feel more numerous, the past more unstable. Last week I walked around Park Jakubowo with radio journalist Alicja Kulik, and we talked about melancholy and what Olga Tokarczuk said in the interview. For me, the park provided an almost perfect cross section of the horrors that have visited the city, and I didnt’t have to go back to Middle Ages to find them. The park was first established in 1862 as part of the expansion of Olsztyn from a small provincial town to one of the main cities of the area thanks to Prussian railways and army barracks, and over the following years saw the erection of a panorama restaurant, a dance hall and tennis courts. Today it is a pleasant place to wander around in, with a small lake, playgrounds and tall trees providing shade in summer – the oldest tree here is an oak tree, 28 metres high. But even here the currents of history are visible, mostly through the buildings and memorials. The large green area across the street from the park used to be a Protestant cemetery that was closed in 1973 and turned into a park. The small neo-Gothic red-brick chapel that stands there was built in 1904 and is today the Orthodox Church of the Protection of the Mother of God. Right next to it is the memorial to Bogumił Linka (1865 -1920), a social and nationalist activist who campaigned for Warmia and Olsztyn to join the newly created Poland at the Versailles conference, and who was killed by a German militia during the 1920 East Prussian plebiscite. The memorial was created by sculptress Balbina Świtycz-Widacka and erected in 1975. Maybe fittingly so: back across the road, in 1928 the citizens of Allenstein erected the so-called Abstimmungsdenkmal, the memorial to the result of the plebiscite where the majority of the inhabitants voted for remaining in East Prussia and the German Reich. Together with a similar memorial in Malbork and the Tannenbergdenkmal Olsztynek it was one of the main nationalist memorial sites in East Prussia.

Across the street from it is a remainder of what extreme nationalism can result in: here lie those killed by the Nazis. Some of the people buried here were patients of the sanatorium in Kortau (location of the university today) and killed by the Nazis as part of their euthanasia programme, some were killed in sub-camps of the concentration camps across East Prussia. The remaining patients, staff and refugees that had gathered at Kortau were massacred in 1945 by the Red Army.

Back in the park, the Abstimmungsdenkmal was replaced by another memorial in 1972, a monumental slab commemorating the ‚Warmian-Masurian Heroes of the National and Social Liberation‘ created by local sculptor Bolesław Marschall. Down the road from the park, at the end of nearby Sybiraków street is a memorial to those Poles taken to work at the GULAG and forced labour camps all across the Soviet Union. It lists the places the people were sent to, among them Sverdlovsk in the Urals (Yekaterinburg today), where my granny was also sent from her farm on the outskirts of town.

All these tragedies and horrors, and some people always trying to claim them for political gains. But I think there is a better use for the past and what it leaves from the people that were here before us. As Alicja and I continued on through the park, we walked past one of the playgrounds were a group of young children were playing nosily, the sun was shining and the park was beautiful. We stopped next to what looked like an old unused fountain, a stone bowl now empty of water but still looking beautiful. Alicja said that ‚maybe this is our version of Olga Tokarczuk’s chair‘, and I think she was right. This then, perhaps, is a better way to look at the past. Regardless of who created it, we should be able to share the good things, without jealousy and hatred. A German or Jewish or Polish or Russian sculptor might have created the fountain, but I don’t know if this is relevant. It’s a beautiful old fountain in a nice park.

Ein Gedanke zu „Olga Tokarczuks Stuhl“

  1. Ich muss auch oft daran denken, wie viele Erinnerungen in Olsztyn abgeschnitten wurden und wie wenig die meisten Bewohner der Stadt noch aus der Zeit vor 1945 besitzen – ganz anders als in vielen anderen Regionen der Welt. Olsztyn ist tatsächlich eine Stadt, in der die zerissene deutsch-polnische Geschichte mit allen ihren Opfern und Leiden gut zu sehen sind. Oft erinnert nur wenig an die einstigen Bewohner der Stadt. Ohne die Bet Tahara wäre beispielsweise die einstige jüdische Gemeinde der Stadt völlig unsichtbar, nichts erinnert an sie. Zum Glück gibt es in Olsztyn aber auch viele „Stühle von Olga Tokarczuk“(ein sehr schönes Bild), die an die reiche Geschichte der Stadt erinnern. Meistens sind es öffentliche Orte, keine privaten, weil die Bevölkerung Olsztyns zum größten teil ja erst nach 1945 selbst als Flüchtlinge, Vertrieben, (Zwangs-)Umgesiedelte hierher kam und meist nichts hatte mitbringen können, während diejenigen, die bleiben konnten/durften/mussten in der Regel ausgeplündert worden waren und auch nicht mehr viel hatten. Diese „Stühle“ muss lesen können, man muss etwas über sie wissen, um sie als „Stuhl“ zu erkennen. Ich denke da zum Beispiel an das Kopernikus-Denkmal unterhalb der Burg an der Alle (nicht das große vor der evangelischen Kirche). Die meisten Betrachter werden in ihm ein Denkmal für einen großen Polen sehen, wie das ja auch auf dem Sockel steht. Wer weiß schon, dass dies einmal ein Denkmal für den großen Deutschen Kopernikus war? Mir kommt diese doppelte Zuschreibung etwas lächerlich vor und zeigt meiner Meinung nach, dass solche Nationalismen Unfug sind. In Olsztyn gibt es viele Plätze dieser Art und die Stadt lädt dazu ein, sich Gedanken über Nationalismus zu machen. Nicht zuletzt die vielen schönen Parks, Straßen, Gebäude, die mit Hilfe der EU angelegt oder restauriert wurden, lenken diese Gedanken dann schon in eine ganz andere Richtung als die, die viele Denkmalsstifter einst verfolgten…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.