Sommermuffel (manchmal)

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Ich hasse den Sommer. Meistens. Sonne und Hitze erscheinen mir immer wie ein falsches Versprechen, als würde jemand deinen Kopf streicheln und sagen, dass alles gut wird und mit Zikaden und Sonnenuntergängen am Strand endet. Aber das stimmt nicht, Winter kommt für uns alle und jeder Mensch wird sterben. Und seit über drei Wochen schlägt uns der Sommer in der Stadt hart auf den Hinterkopf – morgens früh ist es schon über 20 Grad, und den Rest des Tages sitzt die Hitze wie ein fetter schwitzender Hooligan auf Allenstein/Olsztyn. Ich beneide diejenigen, die zu den Stränden von Okull/Ukiel und den anderen Seen fahren können. Meine düstere Stimmung könnte auch durch die Nachrichten kommen, die ich gestern Morgen beim Frühstückstee in meiner Küche gelesen habe. In Deutschland hat ein Neonazi einen CDU-Politiker erschossen, die britische Tory-Partei wird wahrscheinlich einen unfähigen Trottel zum Premierminister wählen und weiter kopflos auf den Brexit zutrudeln, und die EU konnte sich nicht auf Klimaziele bis 2050 einigen, da Polen, Ungarn, Estland und die Tschechische Republik sich weigern, diese zu unterstützen.

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Oma und Franz in der Bücherei

Ein Video meines Vortrags über meine Familienbeziehungen zu Allenstein/Olsztyn und kurzer Lesung aus Von Ostpreußen in den Gulag in der fantastischen Planeta 11-Filiale der Stadtbücherei Ende Mai. Vorgetragen zusammen mit meiner Dolmetscherin/Übersetzerin/polnischen Stimme Barbara Sapała.

Franz: Pfeifferstraße 10

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Ich komme Franz näher. Nicht nur, weil ich dank der Bibliotheken und Archive von Allenstein/Olsztyn und meinen Lesern mehr Details über ihn und seine Zeit in der Stadt herausgefunden habe, sondern auch weil ich jetzt mehr konkrete Orte in der Stadt habe, die mich mit ihm verbinden. Einer dieser Orte ist Haus Nummer 10 in der Królowej Jadwigi-Straße, der ehemaligen Pfeifferstraße.

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Olga Tokarczuks Stuhl

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Foto von Ugur Akdemir auf Unsplash

In einem Interview mit dem Calvert Journal im letzten Jahr hat Autorin Olga Tokarczuk ihr Erstaunen über das Alter der Möbel auf einem altem schottischen Anwesen ausgedrückt, auf dem sie sich für ein Schriftstellerstipendium aufhielt. Einige davon waren aus dem 16. Jahrhundert. „Wir haben keine so stabile Realität“, sagte sie. „Polen liegt im zentralen Korridor Europas.“

Dem stimme ich zu, auch weil ich auf einer Insel lebe. Während Irland über die Jahrhunderte seinen Anteil an Gewalt und Tragödien erlebt hat, fühlt es sich hier doch oft an, als ob Objekte und Orte, durch Zufall oder Schicksal, ein längeres Leben haben. In meiner Straße in Dundalk steht der um 1240 erbaute Glockenturm eines Franziskanerklosters, und das letzte Mal, das dieses Gebäude gezielt Gewalt erlebt hat, war um 1315, als einmarschierende Schotten unter Edward the Bruce es niederbrannten und 23 Mönche töteten. Verstreut in der Stadt sind viktorianische Briefkästen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, immer noch im Einsatz, die königlichen Insignien immer noch sichtbar unter der republikanischen grünen Farbe, die nach 1921 aufgetragen wurde. Und es gibt viele hundert Jahre alte Tische und Stühle in der ganzen Stadt, keiner davon in einem Museum.

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Begegnungen (I) – Allenstein/Olsztyn und Frankfurt

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Foto von Jan-Philipp Thiele via Unsplash

Unter dem Titel „Begegnungen“ veröffentliche ich kurze Interviews mit Menschen aus Allenstein/Olsztyn, die ich hier getroffen habe, um ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Sicht auf ihre Heimatstadt vorzustellen.

Aleksandra ist eine der 20.000 Studenten/innen der Universität Ermland-Masuren/Uniwersytet Warmińsko-Mazurski (UWM), die 1999 aus der Fusion der Technisch-Landwirtschaftlichen Akademie, der Pädagogischen Hochschule und dem Hohen Geistlichen Seminar gegründet und in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Aleksandra kommt aus der Nähe von Preußisch Holland/Pasłęk im Norden von Ermland-Masuren und lebt im Allensteiner/Olsztyner Vorort Jaroty in einer WG mit einer anderen Studentin. Seit zwei Jahren lebt sie in der Stadt und wir haben uns kennengelernt, da sie Germanistik studiert und an einem Workshop teilgenommen hat, den ich an der Universität gegeben habe.

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Trübsal einer Straßenbahn

Für Joseph Roth

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Starker, anhaltender Regen. Man könnte mich fast beschuldigen, das Wetter aus Irland mitgebracht zu haben. Seit ich in Allenstein/Olsztyn angekommen bin, ist es entweder kalt und grau oder schwül und regnerisch. Heute ist es letzteres, und ich kann keinerlei Motivation finden, irgend etwas zu arbeiten. Den ganzen Morgen höre ich die Straßenbahnen klingeln, wenn sie die Haltestelle gegenüber dem Hohen Tor verlassen, also gebe ich endlich nach. Ich fahre mit der Straßenbahn.

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Von Büchereien und Eigenwerbung

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Planeta 11

Eine Bibliothek ist immer ein Zentrum, ein heiliger Ort für jede Gemeinschaft; und ihre Heiligkeit besteht in der Zugänglichkeit, der Öffentlichkeit. Es ist ein Platz für Jedermann. […]

Diese Freude darf nicht verkauft werden. Sie darf nicht „privatisiert“ werden, nicht zu noch einem Privileg für Privilegierte gemacht werden. Eine öffentliche Bibliothek ist eine öffentliche Stiftung.

Diese Freiheit darf nicht beeinträchtigt werden. Es muss für alle verfügbar sein, die es benötigen – und das ist jeder von uns, egal wann wir diese Freiheit brauchen, und das muss immer so bleiben.

Ursula K. LeGuin

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Franz

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Einer der Hauptgründe, warum ich mich für das Stadtschreiberstipendium beworben habe, ist Franz.

Bevor ich anfing an dem Buch über meine Großmutter Cilly zu arbeiten, wusste ich nicht dass dieser Mann überhaupt existiert hat. In meiner Familie gab es Gerüchte über einen von den Nationalsozialisten getöteten Verwandten, getötet als Widerstandskämpfer vielleicht oder im Chaos des letzten Kriegsjahres. Bei meinen Nachforschungen stellte ich jedoch fest, dass der Halbbruder meiner Großmutter, Franz Nerowski, vor 1939 ein Spion für Polen gewesen war und dafür sein Leben gelassen hat.

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Praktizierende

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Spaziergänger sind „Praktizierende der Stadt“, denn die Stadt ist zum Laufen gemacht. Eine Stadt ist eine Sprache, eine Ansammlung von Möglichkeiten, und der Spaziergang ist der Akt, diese Sprache zu sprechen und aus diesen Möglichkeiten auszuwählen. So wie die Sprache das Gesagte einschränkt, beschränkt die Architektur das Gehen, aber der Spaziergänger findet andere Wege.

Rebecca Solnit, Wanderlust: Eine Geschichte des Gehens

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Bring mich an einen guten Ort

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,Und so tauschte ich roten Backstein, das Meer und die Berge gegen roten Backstein, Felder, Seen und Flüsse. Von meinem Backstein-Haus aus dem Jahre 1875 in der alten Grenzstadt Dundalk, die zum Schutz des „Pale“, des Besitzes der normannischen und englischen Herrscher an Irlands Ostküste, vor den wilden Ulster-Iren erbaut worden war, machte ich mich auf den Weg durch die Hügel der Grafschaften Armagh und Down zum Belfast International Flughafen, von wo aus mein Flugzeug in einer Kurve über das Blau des Lough Neagh aufstieg und die Küste der Grafschaft Antrim in Richtung Schottland überquerte. Meine irische Lieblingsinsel Rathlin war das letzte, was ich von der grünen Insel sah, bevor der braune Klumpen des Mull of Kintyre sich ins Bild schob.

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